Mai 272012
 

41. Reisetag

1771 km

 

Bisher war er auf meiner Seite oder sogar behilflich gewesen. Am Freitag blies er mir voll ins Gesicht. Mit diesem Widerstand muss ich in den nächsten Tagen häufiger rechnen. Ich fahre gen Norden. Am Samstagnachmittag flaute er ein wenig ab, so dass ich mein Ziel Radon Hot Spring wider erwarten einen Tag früher erreichte.

Sobald ich die Stadt Cranbrook am Morgen verlassen hatte war die Sicht frei auf die Schneeberge. Angesichts der hohen Berge so direkt vor mir wurde ich doch ein wenig nachdenklich. Da wollte ich hinauf?

Erst einmal war der Wind mein Problem. Am 2. Tag hatte ich mich damit abgefunden. Beim gleichmäßigen langsamen Fahren kamen meine Einstellung und Gedanken in Einklang mit dem Umfeld. Die Straße war gerade, breit und wenig befahren. Der Verlauf war am Hang entlang und ich genoss den Blick in die Weite des Tales.

Geprägt war die Landschaft durch den Columbia River, der in den Kootenay River (Flussnamen werden häufiger vergeben) mündet. Die Flüsse mäandern durch ein weites Tal zwischen den hohen Bergmassiven von Purell und Rocky Mountains. Langgezogene Seen und Überschwemmungsflächen waren entstanden. Die Feuchtgebiete am Columbia River gehören zu größten Kanadas. Almähnliche Wiesen und Gehöfte wechselten sich mit Wald und Sumpfflächen ab. Mächtige Schichten von hellem Sandstein waren erodiert und der Blick hinauf erinnerte an die Zinnen einer Burg.

Am Straßenrand war ein Seeadlerhorst. Der Adler saß am Horstrand. Die Jungen hörte ich piepsen. Eine Pulp-Fabrik produzierte mitten im Wald den Rohstoff für die Papierherstellung zum Schaden der Natur. Squirrel (Erdhörnchen) gab es viele. Sie machten ihr Männchen, um den Überblick zu behalten.

30 km fuhr ich auf einer Nebenstraße. Ein junger Bär saß am Straßenrand. Ich habe ihn erst wahrgenommen, als ich direkt neben ihm war. Er sah aus wie das Vorbild der Teddybären. Anhalten durfte ich nicht. Die Mütter verstehen keinen Spaß wenn es um ihre Kinder geht.

Am späten Nachmittag kam ich nach 95 km in Radon Hot Spring an. Wegen der heißen Quelle ein Touristenparadies. Im Old Salzburg gab es Käsespätzle zu essen. Die Qualität reichte bei weitem nicht an die der Schwäbischen Spätzle aus Remagen heran. Dazu gab es ein Glas Warsteiner Bier. Am diesem Abend beim Essengehen und Tagesausklang vermisste ich schon ein wenig die Gesellschaft von Mitreisenden.

Heute ist für mich Ruhetag mit Ausschlafen, Wäschewaschen und ein Bad in der 39 Grad heißen Quelle nehmen. Morgen geht es hoch in die Berge.

Mai 242012
 

38. Reisetag

1617 km

 

Von der Fähre aus sehe ich die letzte Bergkette vor den Rocky Mountains. Der TCT findet einen Weg hinüber. Mit Höhen von fast 2000 m und keine Straße in der Nähe. Für mich nicht befahrbar, da auch noch Schnee liegen wird. Jetzt verlasse ich den TCT im Westen von Kanada. Highways werden mich in der nächsten Zeit durch die Lande führen.

In einem großen südlichen Bogen führte mich dieser zunächst um und auch etwas über das Bergmassiv. Erst bei Sonnenschein und dann bei 30 km Regen entlang des Kootenay Lake in die Stadt Creston. Weite landwirtschaftlich genutzte Ebenen breiten sich am Ende des Sees aus. Umgeben von den Bergmassiven.

Die erste Bärenmeldung, ganz unspektakulär. Ich fuhr auf der rechten Seite der Straße und ein Schwarzbär trottete ca. 200 m vor mir am linken Straßenrand. Er verschwand, als er mich wahrnahm sofort im Gebüsch.

Ein Seeadler flog über mich hinweg.

Am nächsten Morgen ging es in die Berge. Oft stehe ich vor einer Bergkette und frage mich, wo die Straße weitergeht. Am Moyie Fluss entlang windet sich der diesmal etwas mehr befahrene Highway mäßig in die Höhe. In den Bergen schmilzt der Schnee. Die Bäche und Flüsse führen viel Wasser und überschwemmen die Randbereiche. Die erste Zeitzone in Kanada ist überschritten.

Im Ort Moyie am gleichnamigen See wurden früher Silbererze abgebaut. Hausruinen, ein alter Friedhof und die Feuerwache mit nicht mehr hängender, aber vorhandener Glocke sind die Relikte aus dieser Zeit. In meinem Führer (2008) noch als verlassener Ort beschrieben hat dieser durch die freizeitliebenden Menschen wieder neues Leben bekommen. Überall am See stehen (Ferien?-)Häuser. Es gibt einen Laden und einen Pub.

Ich verbrachte die Nacht auf einem großem Campingplatz in einem Wald direkt am See. Es gab nur wenige Mitcamper in ihren RV (Recreational Vehicle, wie die Wohnwagen hier genannt werden). Neben dem Zelt zupften Rehe die Blätter vom Gebüsch. Meine Kochaktivität störte sie nicht. Unbekannte Geräusche ließen in der Nacht eine Gänsehaut entstehen. Meine Tasche mit den Esssachen hatte ich sicherheitshalber in einem leeren bärensicheren Mülleimer verstaut.

Am Morgen leider ein leichter aber dauernder Nieselregen. Unterm Baum war es noch trocken. Da nahm ich hockend mein Frühstück ein, bei 7 Grad. Bis in die Stadt Cranbrook waren es nur 30 km. Dort verbringe ich die Nacht in der Jugendherberge, die in einem Studentenwohnheim untergebracht ist. Bin der einzige Gast.

Die wenigsten Städte verleiten mich zu einem längeren Aufenthalt. Sie sind weitläufig, Motels am Highway bei der Ein- und Ausfahrt. Im Zentrum ein Supermarkt, einige andere Läden und Versorgungseinrichtungen. Alles ohne Ambiente.

Kootenay heißt die Provinz, der See und viele Flüsse tragen diesen Namen.

 

 

Mai 212012
 

35. Reisetag

1395 km

 

Ein Fremder schiebt sein Fahrrad mit Gepäck durch die Stadt, wird angesprochen und eingeladen ein paar Tage im Haus zu verbringen. Die Gastgeber fahren weg und stellen sogar ihr Auto zur Verfügung. Wäre das in Deutschland möglich?

In Kanada ist es möglich! Maureen und Henry luden mich ein einige Tage in ihrem wunderschönen Landhaus am Kootenay Lake zu verbringen. Sie selber hatten zu dieser Zeit einen Besuch bei Freunden eingeplant. Als ich am Vormittag von Nelson aus hinradelte, war Henry wegen eines verknacksten Rückens nicht mitgefahren. Nachmittags besuchten wir die Ainsworth Hot Springs. Eine heiße Quelle mit einer künstlich angelegten Tropfsteinhöhle zum Durchschwimmen im 42 Grad heißen Wasser. Anschließend ein (für mich kurzes) Eintauchen in ein 6 Grad kaltes Wasserbecken. Im Hintergrund die schneebedeckte Kette der Purcell Mountains. Es war ein tolles, wohlfühlendes Erlebnis.

Für mich ist es Urlaub im Urlaub. Am Abend spielte Henry mit mir Schach. Am Morgen gab es Heidelbeerpfannkuchen und Kaffee auf der Terrasse mit Blick auf den See. Kolibris saugten an einer Zuckerwasser“tankstelle“. Wegen ihrer Schnelligkeit beim Fliegen sehe ich sie erst wenn sie in der Luft stehen bleiben. War erstaunt, dass es hier überhaupt Kolibris gibt. Ein Spaziergang mit Henry und Hund Buddha führte mich in den direkt hinterm Haus gelegenen Urwald mit großen Zedernbäumen. Das Wasser für die Hausversorgung wird hier aus einem schnellfließenden Bach abgeleitet und hat einen wunderbaren Geschmack. Ich fühle beim Trinken die Energie des Gebirgsbaches. Woodpeaker hacken große Löcher in die Bäume, davon können unsere Spechte nur Träumen.

Am Montag regnet es den ganzen Tag. Bin froh im Haus verweilen zu können. Der Wetterbericht verspricht Besserung.

Eine gute Nachricht: 4 kg unnötigen Ballast (an mir) habe ich bereits abgeradelt.

Mai 182012
 

    32. Reisetag

1384 km

 

Tücke der Geologie. Alle Gebirgszüge im westlichen Kanada sind in nord-südlicher Richtung angeordnet. Sechs davon habe ich bereits überquert. Wellenmäßig bewege ich mich nach Osten vor, da die Wege nie in gerader Linie über die Berge geführt werden. Die große Herausforderung der Rocky Mountains steht demnächst noch bevor.

Von Trail aus fuhr ich entlang des mächtigen Columbus River Richtung Süden. Nach dem Mississippi ist dieser der am meisten wasserführende Fluss in Nordamerika. Kurz vor der Grenze bog mein Weg nach Osten ab entlang des D’Oreille River. Dieser Fluss fließt durch ein enges Tal. Damit eignete er sich vorzüglich zur Energiegewinnung. Eine Staustufe löst die nächste ab. Der Fluss ist eher ein langgezogener See mit steilen Ufern. Bereits nach 35 km Fahrt zog es mich auf einen Campingplatz unten am See um hier in der Einsamkeit eine Nacht zu verbringen. Es war warm und ich hatte Zeit. Ganz so einsam war es dann nicht. Es gab einige Tagesbesucher und 2 Camper in ihren großen Campingwagen. Die Übernachtung war umsonst. Die für mich wichtige Wasserversorgung erfolgte über eine Handpumpe. Das Wissen, das Wasser erst nach längerem Pumpen zu verwenden, war mir durch meine bisherige Lebenserfahrung nicht gegeben. Das Wasser schmeckte anfangs fürchterlich, bis ich aufgeklärt wurde. Danach aber leider auch nicht besonders gut.

Auf dem Campingplatz ließen sich nicht nur die Menschen nieder. Wildgänsepaare jeweils mit Kücken grasten in großer Anzahl auf der Wiese. Sie waren mein Beobachtungsobjekt am Nachmittag. In der Frühe, hell wird es so gegen 4 Uhr, unterhielten sie sich besonders lautstark. Und wie an vielen Orten in Kanada steht auch hier eine gestiftete Bank in Memorium an einen Verstorbenen.

Am Morgen ging es vom Campingplatz steil hoch auf den holprigen Weg entlang des Stausees. Das Umfeld während der Fahrt war wunderschön mit Blick auf den See und den gegenüberliegenden Hang. Hier hatte im letzten Jahr ein Waldbrand gewütet und viele verkohlte Baumstümpfe hinterlassen. Einmal zog auf der staubigen Straße ein Fliedergeruch an mir vorbei. Am Wegesrand waren die blaublühenden Sträucher zu sehen.

Am Ende des Forstweges war auf der einen Seite die Grenze zur USA, ich nahm den Highway auf der anderen Seite, der mich nach 25 km nach Salmo brachte. Hier quartierte ich mich in einem Motel ein – mit Badewanne. Der örtliche Campingplatz war geschlossen.

Am nächsten Tag ging es weiter nach Nelson, meist auf dem Highway. (Als Anmerkung zum Highway: dieser kann auch Landstraße mit wenig Verkehr sein.) Der Trail war leider wegen Bärenaktivität geschlossen. Ich möchte eigentlich einen Bären sehen. Herausfordern wollte ich so ein Treffen aber auch nicht.

In Nelson mein Erstaunen. Zwar hat die Stadt nur ca. 10.000 Einwohner, aber was für ein Unterschied zu den anderen Orten, die ich gesehen hatte, Vancouver und Victoria ausgenommen. Viele junge Leute auf der Straße, schick und flippig angezogen. Hippies, die Musik machten, Indienshops und viele Kaffees und Restaurants, sogar ein vegetarisches. Ein Ruhetag habe ich hier eingeplant mit Ausschlafen und Wäschewaschen.