Die Transfogarascher Hochstraße I.

 Unterwegs  Kommentare deaktiviert für Die Transfogarascher Hochstraße I.
Sep. 262013
 

DSC03381

 

143. Reisetag

6327 km

 

Der Morgenhimmel ist trübe. Nehme von Helmut Abschied. Unsere gemeinsame Tour war sehr schön. Ich weiß gar nicht, ob ich ohne ihn so tief in Siebenbürgen eingedrungen wäre.

Mein Weg führt mich weiter Richtung Süden. Als Barriere liegen die Karpaten vor mir. Es gibt eine stark befahrene Europastraße, die entlang des Olt-Flusses mit nur 500 m Höhe die Gebirgskette passiert. Diese Straße möchte ich meiden. Ich wähle die Herausforderung, die Transfogarascher Hochstraße. Sie überquert das Făgăraș-Gebirge der Karpaten und ist nur in den Monate Juli bis Oktober befahrbar.

Die hochalpine Straße wurde im Auftrag von Ceaușescu gebaut und hatte neben einem touristischen auch einen militärischen Zweck.
Sie windet sich in zahlreichen Serpentinen auf eine Höhe von 2042 m und unterquert den Gebirgskamm der Karpaten in einem 887 Meter langen Tunnel. Es ist die zweithöchste Straße Rumäniens und hat eine Länge von 91 km.

Am ersten Tag fahre ich zum Ausgangspunkt der Hochstraße. Entlang an Flüssen und durch weite landwirtschaftlich genutzte Täler. Viele Pferdefuhrwerke sind unterwegs. Auf einem Kartoffelacker hält der Bauer den Pflug, seine Frau führt das Pferd. So müssen die Kartoffeln nicht mühsam mit der Hacke aus der Erde geholt werden. Auf einem anderen Feld hackt ein Mann die geernteten Maisstauden heraus. Ein Hirte bewacht die Rinderherde auf der anderen Flussseite. Ich unterhalte mich auf Englisch mit der Frau eines Schäfers. Sie steht mit ihrem Kind (und Auto) am Straßenrand. Ihr Mann führt gerade seine Schafsherde vorbei.
Sie hat Englisch, Spanisch und Französisch studiert, macht gerade drei Jahre Babypause. Vorher und danach wird sie wieder in Sibiu arbeiten. Sie findet es gut, dass sie in einem anderen Bereich als die Schafszucht arbeitet. Ihr Mann kommt aus einer Schafszüchterfamilie. Er und seine zwei Brüder haben an die 600 Schafe in verschiedenen Herden. Erfahre einiges über die Schafszucht. Lämmer sind im Frühjahr teurer, da die Schafe den Winter über gefüttert werden müssen. Wenn Schafsherden über die Wiesen und Felder ziehen müssen die Schäfer an die Grundeigner zahlen. Jedes Jahr gibt es Verluste durch Bären und Wölfe.

Nach nur 50 km erreiche ich mein Ziel und übernachte in einem Motel. Oberflächlich betrachtet ist das Haus in einem passablen Zustand. Aber: bei mir im Zimmer tropft Wasser aus der Heizung auf den Holzboden, Türgriffe halten so gerade noch, die Dusche im Bad hat keinen Vorhang usw. Leider ist es typisch für viele rumänische Unterkünfte. Würde alles in Ordnung gehalten, wären die Folgekosten gering und der Wert bliebe erhalten.

Beim Abendspaziergang sehe ich den Gebirgszug der Karpaten bei blauem Himmel. Auf den Gipfeln liegt Schnee. Am nächsten Tag fahre ich auf die Transfogarascher Hochstraße. Mein GPS-Gerät zeigt mir eine Starthöhe von 400 m an.

Am Abend war noch das schönste Wetter, am Morgen ziehen dunkle Wolken auf und es beginnt zu regnen. Hülle mich regendicht ein. Anfangs werden auf den Feldern an der Straße noch Kartoffeln herausgeholt, es wird gepflügt, Pferdewagen und Traktoren sind unterwegs. Bald schon windet sich die Straße den bewaldeten Berghang hoch. Der Regen hört zum Glück auf. Die Temperaturen zwischen 12 und 17 Grad sind sehr angenehm, die Steigung mit 4 bis 8 Prozent ist nicht zu anstrengend. Am Straßenrand steht ein Auto. Ich grüße und fahre weiter. Der Fahrer läuft hinter mir her und überreicht mir eine Tafel Schokolade als Energiespender. Freue mich über solche Erlebnisse.
An einem Steilhang habe ich eine großartige Sicht auf die Gipfel der Berge. Eine schöne Belohnung für die Anstrengung. Sehe aber auch, was mir noch bevorsteht.

Der Verkehr ist sehr gering. Treffe nur auf eine Motorradgruppe. Es sind Dänen, die sich in Bukarest ein Motorrad geliehen haben. Zwei rumänische Mountain-Biker (ohne Gepäck) überholen mich.

Damit die Bergetappe nicht zu anstrengend wird, lege ich bereits nach 25 km und 800 Höhenmeter eine Übernachtungspause ein. Das Hotel Balea Cascada liegt in der Nähe eines Wasserfalls. Von hier aus kann der höchste Punkt der Passstraße mit einer Seilbahn erfahren werden. Dort liegt der Balea See in 2040 m Höhe.

Am Nachmittag mache ich einen längeren Spaziergang und versuche den Wasserfall zu erreichen. Die Berge sind steil, ich finde nur einen Wanderweg. Dieser führt in einiger Entfernung am Wasserfall vorbei und geht weiter den Berg hoch. Eine Klettergruppe seilt sich neben dem Wasserfall ab. Da ich den Berg ich nicht ersteigen möchte drehe ich um.

 

Im Vorgebirge der Karpaten.

 Unterwegs  Kommentare deaktiviert für Im Vorgebirge der Karpaten.
Sep. 242013
 
DSC03279

Blick aus meinem Fenster auf einen trüben Tag.

141. Reisetag

 

Die Verpflegung in unserem Gästehaus ist gut, aber wir bekommen zu viel aufgetischt. Lieber wäre mir die Schüssel einmal leer zu essen. Habe das Gefühl, dass wir das nicht eingenommene Mittagessen (ist in der Vollpension mit drin) noch zusätzlich am Abend erhalten.

Beim Gang durch den Ort bellen uns hinter jedem Eingang die Hunde an. Die Tore sind zum Glück geschlossen. Beim Weitergehen schließen sich uns drei Hunde an. Sie begleiten uns den ganzen Tag. Sie kläffen nicht, sie laufen einfach mit, sind angenehme Begleiter. Einmal kam uns eine Schafsherde mit Hirtenhunden entgegen. „Unsere“ Hunde machen im Wald einen großen Bogen um die Herde, bis sie wieder auf uns stoßen. Sie wollen keine Konfrontation mit aggressiveren Kollegen.

Der Weg führt uns auf steiniger Forststraße den Berg hinauf. Kurz vor dem Gipfel hört er jedoch auf. Eigentlich wollten wir auf der anderen Seite des Berges weiterlaufen. Haben wohl eine Abzweigung verpasst. Beim Abstieg sehen wir einen steilen matschigen Pfad, der von unserem Weg rechts in die Höhe führt. Da hätten wir wohl gehen müssen.
Das zur Verfügung stehende Kartenmaterial ist extrem schlecht.

Auch am nächsten Tag sind wir anders gegangen als wir eigentlich wollten. Der Weg endet in einem Bachbett. Wir steigen steil einen Berg hoch auf Spuren von wohl wild gewordenen Motorradfahrern. Mir ist nicht klar, wie diese hier überhaupt fahren können. Die ungefähre Richtung halten wir mit meinem Garmin-GPS. Auch beim Wandern ist es sehr hilfreich. Wir erreichen eine Höhe von1000 m und stoßen oben wieder auf einen markierten Weg. Auf der Höhe öffnet sich uns ein baumloser Grashang. Vorher sind wir durch den Wald gestapft. Wir können weit auf die gegenüberliegenden Täler und Hänge schauen. Es geht wieder hinunter. Beim Abstieg sehen wir vier Romamänner. Sie haben am Waldesrand Holz geschlagen und laden es auf ihre Pferdefuhrwerke. Sie möchten, dass wir Fotos machen und fordern Geld. Fragen nach Bonbons für ihre Kinder. Ich mache nur von weitem ein Foto. Der Weg führt uns etwas später durch ein Romadorf. Viele der Häuser sind sehr ärmlich, es gibt aber auch neue größere Häuser. Der Müll wird einfach an einer Stelle im Dorf den Hang hinuntergeworfen. Eine Müllabfuhr, wie in anderen Dörfern, gibt es wohl nicht. Wir gehen zügig weiter, da wir auch hier angebettelt werden.

Der nächste Tag beginnt mit Nieselregen. Die Wolken hängen tief. Ich mache einen Spaziergang am Fuße eines Berges. Auf einer Wiese wachsen Herbstzeitlosen. Sie passen zum trüben Wetter und der herbstlichen Stimmung, die sich immer mehr ausbreitet. Morgen fahre ich alleine weiter. Es ist wieder ein kleiner Abschied.

Ende der Siebenbürgen-Rundtour.

 Unterwegs  Kommentare deaktiviert für Ende der Siebenbürgen-Rundtour.
Sep. 212013
 

DSC03161138. Reisetag

6255 km

 

Die Nacht war regnerisch und stürmisch, der Morgen kühl aber trocken. Ziehe zum Losfahren Pullover und Anorak über, dazu noch die Handschuhe.

An der Straße liegt ein großes Feld mit Solarmodulen, daneben sichelt ein Bauer mit einer Sense Gras. Solarmodulfelder hatte ich schon häufiger gesehen. Aus der Ferne glitzern die Anlagen manchmal wie ein See. In Sighisoara im Hotel trafen wir einen Schweizer, der den Aufbau neuer Solarfelder betreut. Nach seinen Angaben sind es chinesische Investoren, die hier ihr Geld anlegen.

Der Verkehr nimmt deutlich zu als wir uns über hügeliger Straße Sibiu nähern. Ein heftiger Wind bläst uns entgegen. Wir müssen aufpassen, dass die Böen uns nicht von der Straße fegen. Neben der Straße verlaufen oft Gasleitungen, an die viele Häuser angeschlossen sind. Als wir an einer Gasverteilerstation vorbei kommen, liegt ein deutlicher Gasgeruch in der Luft. Das könnte gefährlich werden, zumal in Rumänien viel geraucht wird.

In Sibiu übernachten wir wieder im Casa Luxemburg, in dem wir Teile unseres Gepäcks zurückgelassen hatten. Helmut bringt sein Leihrad zurück. Ich überhole am nächsten Tag mein Fahrrad und installiere einen neuen Fahrradständer, da das Rad auf dem alten zunehmend schräg stand. Jedoch war der Ständer gar nicht ausgeleiert, der Gummi war nur abgenutzt.

Mit einem Taxi fahren wir in ein etwas außerhalb liegendes Museumsdorf. Alte Häuser, Mühlen, Maschinen und Handwerksgegenstände zeigen das Leben in vergangenen Zeiten auf. Da die Gebäude mit wenigen Ausnahmen verschlossen sind, ist der Besuch nicht sehr beeindruckend.
Zurück in der Stadt gehen wir einkaufen. Ich stelle fest, mein Mohnstrudel kommt aus Österreich, der Fruchtjoghurt aus Deutschland, die Weintrauben aus Italien. Die EU hat handelsmäßig das Land bereits im Griff. Die Infrastrukturhilfen für den Straßenbau machen sich bezahlt. Beim nächsten Einkauf werde ich genauer hinschauen.

Am Abend findet auf einer großen Bühne nicht weit von unserem Hotel ein Musik-Awards vom rumänischen Fernsehen statt. Die am meisten abgespielten rumänischen Musikstücke werden ausgezeichnet. Es ist ein sehr lautes Spektakel, von dem wir zwangsläufig etwas mitbekommen.

In den folgenden Tagen planen wir Wanderungen in dem südlich von Sibiu gelegenen Vorgebirge der Karpaten. Helmut fährt die 15 km mit dem Taxi, ich radle. Von dort aus werde ich in der nächsten Woche meine Tour alleine fortsetzten. Wir übernachten in einem Gästehaus der evangelischen Kirche mit Vollpension. Vom Fenster aus kann ich wunderbar ins Tal schauen.
Der Ort ist benannt nach einem kreisrunden Kegelberg, dem Michelsberg/Cisnadioara, auf dem sich eine der ältesten Kirchenburgen Siebenbürgens befindet. Der Innenraum der Kirche ist schlicht und leer. Im Chorraum befinden sich 180 Gedenktafeln von Gefallenen aus dem Ersten Weltkrieg. Fast alle sind in der Zeit vom 12. bis 26. Sept. 1916 gefallen.
Rumänien war in diesem Krieg anfangs neutral. Als die rumänische Führung feststellte, dass die österreich-ungarische- und die deutsche Armee schwächelte, schlossen sie sich im August 1916 den Alliierten an. Die Gefallenen auf den Gedenktafeln waren Siebenbürger Sachsen und hatten (nach Wikipedia-Recherche) gegen die Rumänen gekämpft.

Das Wetter am nächsten Tag ist gemischt, Sonnenschein und Regen wechseln sich ab. Wir machen eine kleine Wanderung in die umliegenden Berge. Von oben haben wir eine weite Sicht ins Tal.Unterwegs treffen wir auf Hagebuttenpflücker, es sind arme Menschen, die uns anbetteln; fussballspielende Kinder, die gerne einen Bonbon hätten und einen Schäfer, dessen Habe ein Esel trägt. Der einsetzende Regen beschleunigt unsere Rückkehr.
Als wir uns Michelsberg nähern, sehen wir am Hang viele neue Villen. Offenbar lassen sich im Umfeld von Sibiu gerne reiche Rumänien nieder.

Hosman/Holzmengen.

 Unterwegs  Kommentare deaktiviert für Hosman/Holzmengen.
Sep. 172013
 

DSC03047134. Reisetag

 

In Hosman bleiben wir einen weiteren Tag. Morgens weckt uns der Hahn im Hof. Neben seiner Gefolgschaft aus Hühnern gibt es Enten, fünf Hunde in allen Altersstufen und eine Katze. Sie leben friedlich zusammen.

Beim Dorfrundgang passieren wir zufällig das Gebäude eines Zentrums, dessen Renovierung teilweise aus EU-Mitteln finanziert wurde. Überraschend treffen wir hier auf unsere rumänischen Pensionswirte. Lisa leitet eine Bäckerei, Domi ist für die Mühle zuständig. Es ist teilweise ein Gemeinschaftsprojekt, getragen von einem Verein. Eine weltwärts-Teilnehmerin – sie leistet hier ein soziales Jahr ab – erklärt uns die verschiedenen Bereiche. Im Vorderhaus steht der mit Holz beheizte Backofen. Das Getreide liefert ein Biobauer. Das Brot wird im Ort und auf dem Markt im 25 km entfernten Sibiu verkauft. An einem Tag in der Woche können Bauern in der Mühle ihr Getreide und Mais mahlen lassen. Es gibt eine Schmiede und ein kleines Holzsägewerk, in beiden wird zur Zeit nicht gearbeitet. Hinten im Garten feiert eine Gruppe Kindergeburtstag. Eine Schweizer Familie verbringt den Sommer hier. Ein gebürtiger Mecklenburger, der seit 11 Jahren hier lebt und arbeitet, erklärt uns kurz den Weg für eine kleine Tageswanderung. Er ist in Eile, da er die Einladungen für das Mühlenfest vorbereiten will, das für die nächste Woche geplant ist. Eine Rumänin, die fünf Jahre in Berlin und Hamburg gelebt hat wohnt ebenfalls hier.

So ganz blicken wir nicht durch, was in dieser Gemeinschaft alles so gemacht wird und wer wovon lebt.

Unser Spaziergang führt uns über eine Hügelkette. Vereinzelt Bäume und viel Graslandschaft, ab und zu Zäune für das Nachtlager der Schafe und Schutzhütten für den Schäfer. Drumherum immer viele Hunde, die uns beim Näherkommen anbellen. Mein dog-dazer hält sie im sicheren Abstand.
Vom Schwiegersohn unserer Pensionsleute, einem Schäfer, erfahren wir, dass er jedes Jahr durch Wölfe und Bären einige Tiere verliert. Ich bekomme eine Erklärung, weshalb die Hirtenhunde einen Stock um den Hals tragen (siehe Bild vom 4. Sept.). Es ist eine Schnelllaufbremse. Sie verhindert dass der Hund z.B. schnell eine Wildziege verfolgen kann (und sich so seiner Hütepflicht entzieht). Ein ausgewachsenes Schaf kostet 100 Euro.

In der Ferne sehen wir das Fagarascher Gebirge, einen Gebirgskamm der Karpaten.

Wieder unten im Ort versuchen wir vergeblich den Schlüssel für die Kirchenburg zu erhalten. Immer wieder taucht das Schlüsselproblem auf. Die Kirchenburgen, ob renoviert oder nicht, sind bis auf wenige Ausnahmen für Besucher verschlossen.

Im Ort werden einige Gebäude von einer österreichischen Stiftung unterhalten. Arme Kinder und Jugendliche können hier den Tag verbringen. Die Stiftung hat auch eine neue Musikschule gebaut. Sie ist seit dem Frühjahr fertig, hat aber kaum Schüler. Laut unseren Pensionsleuten ist es eine teure Fehlinvestition.

Wir treffen beim weiteren Dorfdurchgang einen ehemaligen deutschstämmigen Dorfbewohner, der den Sommer hier verbringt, im Winter wieder in Deutschland lebt. Er schimpft über die Zustände im Ort. Der Kirchenverwalter klaue, die Zigeuner arbeiten nicht und betteln, das Projekt Mühlenzentrum sei ihm suspekt.