Sep. 032012
 

139. Reisetag

8414 km

 

An diesem Tag ist Labour-Day, ein Hauptfeiertag in Kanada. Alle Ferien gehen zu Ende. Die meisten Läden haben geschlossen. Es wird nur noch wenige kanadische Touristen geben.

Der Tag startete gemütlich für mich. Einschecken für die Fähre war um 15 Uhr, Abfahrt um 17 Uhr.
Sie benötigte 14 Stunden um die 450 km nach Newfe-Land wie Neufundland hier heißt zurückzulegen. Es ist eine Eisbrecher-Fähre, gebaut 2002 von den Howaldtswerken in Kiel.
Fuhr zwischen Schottland und Belgien, dann Estonia, Finnland und Deutschland. Seit 2008 ist sie für die Neufundlandroute gechartert. Aufkleber aus dieser Zeit waren noch vorhanden.
Für 10 Jahre sieht sie in meinen Augen bereits ziemlich gebraucht aus. Der Rost nagt.

Hunde und Katzen mussten in die Käfige. Viele Passagiere hatten eine Kabine gebucht, manche übernachteten auf nicht sehr bequemen Liegesitzen.
Ich verbrachte ausgestreckt die Nacht auf einer gepolsterten Bank im Bar- und Aufenthaltsraum. Terrorisiert wurde ich von 2 laut hörbaren unterschiedlichen Fernsehprogrammen – die ganze Nacht. Keiner schaute zu. Leiser oder abzustellen ging nicht. Meine Ohrstöpsel hatte ich leider in meinem Gepäck gelassen. Die Fahrzeuge waren wären der Fahrt nicht zugänglich.
Es gab die üblichen Essens-, Trinken- und Unterhaltungsmöglichkeiten. Die schwache Internetverbindung ließ mich nicht meinen Blog ins Netz stellen.

Die Fährfahrt bringt mir die zeitliche Endlichkeit meiner Kanadadurchquerung in Erinnerung. Normalerweise ist in St. Johns (der Hauptstadt der Provinz Newfe-Land) so eine Fahrt nach dem Passieren aller kanadischen Provinzen zu Ende. Bisher gab es für mich die Gedanken an das Ende meiner Tour nicht. Da werde ich schon ein wenig wehmütig. Natürlich freue ich mich auch auf zu Hause. Tief in mir schlummern aber noch Fernwehwünsche.

Der Aufenthalt in Neufundland liegt vor mir. Viele Reisende berichteten von einer einzigartigen Landschaft (mit vielen Bergen) und sehr freundlichen Menschen.
Voller Spannung werde ich diesen Abschnitt am Morgen nach der Ankunft der Fähre anpacken.

Sep. 022012
 

138. Reisetag 

8408 km 

51.337 Höhenmeter

 

Die Nacht zur Abwechslung mal in einem richtigen Bett verbracht. Auch nicht schlecht. Zumal eine kräftige Regen- und Gewitterfront vorbeizog.

Das „Meer“ gehört noch zum Golf von Sankt Lawrence. Es ist sehr Nährstoffreich und deshalb beliebt bei den Walen. Die beabsichtigte Whale-Watching Tour fiel wegen starkem Wind leider aus. In den nächsten Tagen wohl auch.
So radelte ich weiter auf dem Cabot Trail. Diesmal quer durch das Binnenland zur anderen Inselseite. Rundherum nur Wälder, Täler und Berge. Ich war noch im Nationalpark.
Anfangs flach, aber schon nach wenigen Kilometern ging es steil in die Höhe. Deutlich steiler als am Vortag. Der Wind half mir etwas. Es war trotzdem sehr anstrengend mit all meinem Gepäck in 3,5 km 400 Höhenmeter zurückzulegen. Kurz vor der Passhöhe gab es einen kräftigen Regenschauer.
Damit hatte ich meine steilste Strecke in Kanada, bezogen auf die Länge, hinter mich gebracht. (So hoffte ich.) Deutlich steiler als die Straßen in den Rocky Mountains.
Oben angekommen ging es über eine Ebene mit Busch, Gras und zerzausten Nadel- und Laubbäumen. Hatte gehofft noch einmal Elche zu sehen. Diese trifft man eher früh am Morgen oder abends – das ist nicht meine Reisezeit.
Bald ging es wieder in die Tiefe. Bei der Talfahrt mit Sicht aus Radfahreraugenhöhe wunderte ich mich, dass ich die Bergfahrt überhaupt geschafft hatte. Es ging sehr steil nach unten, fast auf Meereshöhe, über einen Bach. Danach gleich wieder 100 m in die Höhe.

Ich schwächelte an diesem Tag ein wenig. Sofort schlichen sich in die Gedanken die bequemen Vorstellungen: Wie schön ist es zu Hause. Warum machst du die Tour und willst du ewig weiterfahren.

Bereits gegen Mittag suchte ich den Campingplatz auf. Der nächste wäre in 30 km Entfernung gewesen. Noch bevor ich mein Zelt aufbaute hielt ich auf einer Bank einen Mittagsschlaf. Hatte eine wunderbare Sicht über die Küste. Bin jetzt am Atlantischen Ocean.
Am Abend wurde ich von zwei amerikanischen Paaren zum Wein und Unterhaltung eingeladen. Bis der Regnen kam. Verkroch mich ins Zelt. Die Nacht war unruhig mit wenig Schlaf. Ein kleiner Sturm zog über mich dahin. Das Heulen kündigte jeweils die Böe an, die das Zelt auf den Boden drückte. Nur durch meine Einlage flog es nicht weg. Wasserdicht war es und kein Riss in der Zeltwand. Am Morgen stürmte es weiter. In einer kurzen Regenpause konnte ich das Zelt nass einpacken. Gefrühstückt hatte ich trocken in einer Schutzhütte. Auf dem Zeltplatz traf ich einen anderen Radler, der in die gleiche Richtung fuhr. Wir sind zusammen losgefahren und hatten in etwa die gleiche Geschwindigkeit. Der starke Wind stand uns meist zur Seite. Es ging viel über die Berge, mit wundervollem Blick über die Küsten.
Der auf der Karte angegebene Zeltplatz zur Übernachtung war schon vor Jahren geschlossen. Die Touristeninformation wusste davon nichts. Sie hatte uns noch die Kilometerzahl dorthin mitgeteilt Auf dem Gelände bauten wir unser Zelt trotzdem auf. Es war bereits spät und eine einsame Gegend. Nachts heulten die Koyoten (oder Wölfe) den Vollmond an. Die Gänsehaut kam augenblicklich. Ich versicherte mich, mein Bärenspray hatte ich mit ins Zelt genommen. Schlief bald wieder ein.
Zum Morgen hin kroch die Kälte zu mir und ich tiefer in meinen Schlafsack. Den hatte ich in den letzten Zeit nur als Decke verwendet. Der Sommer neigt sich dem Ende zu.

Wegen der Kühle wollten wir im nächsten Ort frühstücken. Die nächste Gelegenheit bot sich erst 30 km später. Wir waren bereits auf einem viel befahrenen Highway. Dieser brachte uns nach Sydney. Dort kaufte ich mir mein Fährticket für die Überfahrt nach Neufundland für den nächsten Tag.

Aug. 302012
 

135. Reisetag

8207 km

 

Der Regen prasselte, der Wind heulte und das Meer rauschte. Dazu noch wirre Träume. Richtig ausgeschlafen war ich nicht. Der Regen hörte gegen Morgen auf. Der Wind blies noch kräftig. Ich verzog mich zum Frühstücken wieder in den Wäscheraum.
Das Zelt verpackte ich nicht ganz trocken.

Die Auseinandersetzung mit der Naturgewalt Wind ging weiter. Er kam von Westen. Meine Richtung war der Norden. Mal schob er mich (häufiger), mal kämpfte ich gegen ihn. Musste mein Steuer fest in die Hand nehmen um auf der Straße zu bleiben. Am Vormittag fegte der Wind die Wolken fast weg, nachmittags kamen diese jedoch mit einem kurzen Schauer zurück. Ich war mir nie ganz sicher ob es gleich wieder regnen würde.

Neben mir das aufgewühlte Meer, die Brandung und die Steilküste. Auf der anderen Straßenseite die höher werdenden Berge. Hatte häufig eine weite Sicht über Meer und Küste. Das Umfeld war rauer geworden. Das Fahren machte trotz Anstrengung Spaß.

Mir ist etwas kalt. Die Temperaturen waren über Nacht gesunken. Werde zum ersten Mal seit Monaten am nächsten Tag Stiefel anziehen.

Ich fahre jetzt auf dem Cabot Trail. Eine Straße für anspruchsvolle Radler. Am Abend baute ich mein Zelt in der Nähe von Cheticamp in dem Cape Breton Highlands National Park auf.
In der Region um Cheticamp leben wieder die Acadians. Es wird französisch gesprochen und es gibt wieder die große Kirche mit dem silberglänzendem Dach.

 

Die Nacht verlief weitgehend ruhig, wenig Wind und kein Regen. Am Morgen machte ich mich startklar für die Berge. Zunächst im steilen Auf und Ab an der Küste entlang. Dann in 4 km auf 400 Höhenmeter. Der Wind half mir in dieser steilen Stunde. Er blies heftig von hinten. Auf der Höhe angekommen, stoppte ich für einen zweistündigen Trail. Mein Rad und Gepäcktaschen schloss ich an ein Schild an. Habe in Kanada keine Angst dass irgendetwas wegkommt. Der Wandertrail ging über das Hochlandplateau in ca. 450 m Höhe. Die kärglichen Bäume waren mit Flechten überzogen. Häufig standen nur noch die Gerippe. Dieses Gebiet ist ein Elchgebiet. Ich hatte Glück. Nicht weit vom Weg entfernt stand er und nahm sein Mittagessen in Form von Tannengrün ein.

Der Wanderweg führte weiter an den Rand des Plateaus mit Weitsicht über das Meer. Der Wind blies heftig. Ich konnte kaum stehen.

Die heutige kurze Radfahrt (36 km) endete mit einer steilen Abfahrt auf Meeresniveau. Musste sehr auf den Seitenwind achten, damit er mich nicht umwirft.
Im kleinen Ort Pleasant Bay gibt es eine kleine Jugendherberge. Dort verbrachte ich die Nacht.

Aug. 282012
 

133. Reisetag

8096 km

 

Es war fast dunkel. Hatte mich gerade ins Zelt verkrochen und Licht ausgemacht. Da hörte ich: „Hallo German Biker, do you want a glas of wine“. Ein entfernter Zeltnachbar lud mich zu einem Glas Wein ein. Freudig sagte ich zu, denn die Müdigkeit war noch nicht so richtig da.

Hatte diese Nacht ein T-Shirt anbehalten. Es wurde mir damit nicht mehr kalt. Am Morgen war sogar das Zelt trocken. Auf der Wiese merkte ich je näher ich dem Wasser kam, desto nasser wurde alles. In Zukunft muss ich überlegen ob ich es möchte: Schöner Blick übers Wasser am Abend und nasses Zelt am Morgen.
Bei der Weiterfahrt an einem kleinen Laden angehalten. Hoffte noch etwas mehr Obst kaufen zu können. Keine Chance. Es gab nur diverse Chipsorten, Süßigkeiten, Cola & Co sowie einige Konserven. Werde meine noch vorhandenen 4 Äpfel und 3 Bananen gut einteilen. Ich weiß nicht wann die nächste richtige Einkaufsmöglichkeit kommen wird.

Auf wenig befahrener Straße und schönem Wetter den Küstenbogen gefahren, bis zu einem längeren Damm, der mich über die (Wasser-)Straße von Conso brachte. Diese trennt Cape Breton Island vom Festland. An der Touristeninformation Materialien eingeholt und losgefahren. Da sah ich von der Straße aus einen Hinweis mit dem Symbol des TCT. Es gab einen gut ausgebauten ehemaligen Bahndamm als Multi-Use-Way.

Freute mich und ärgerte mich über die Informationen im Touri-Büro. Kein Wort davon, obwohl ich auf meine Radtour hingewiesen hatte. Schade, auch im Internet sind die Informationen zu den vorhandenen Trailstrecken kaum vorhanden. Dabei kann ich mir als Radfahrer kaum etwas Schöneres vorstellen.
Die Steigungen waren gering. Meist konnte ich übers Meer blicken.
Die regelmäßigen Kilometerangaben auf dem Trail störten mich. Sie wiesen auf die Endlichkeit dieser schönen Wegstrecke hin.
Fuhr durch die altbekannte Landschaft, angereichert durch die Küste und das Meer. Fuhr über Dämme durch die tief ins Binnenland reichenden Lagunen. Die Ebbe zog das Wasser gerade hinaus. Immer wieder überquerte ich Flüsse. Die Brücken der alten Eisenbahn waren noch vorhanden. Vereinzelt sah ich Häuser. 50 km ging es entlang der Küste. Dann bog der Trail wegen einer größeren Landzunge ins Binnenland ab. Sobald ich eine Höhe von ca. 100 m erreicht hatte fuhr ich an einem Fluss entlang wieder Richtung Meer. Nahe einer Bucht sollte der Zeltplatz sein. Zum Glück hatte ich einen Quadfahrer gefragt, denn dieser war ohne irgendwelche Hinweise weit abseits vom Trail. Am Morgen vielen die ersten Regentropfen. Der Wetterbericht hatte für den Dienstag kräftige Schauer vorausgesagt. Konnte das Zelt aber trocken abbauen. 3 km fuhr ich zurück um wieder auf den Trail zu kommen. Es ging über Dämme entlang und über eine Lagune. Fuhr mit leichter Steigung in die Berge, dort auf einen Damm durch eine Sumpfebene – mit Weitsicht auf die umliegenden Berge.
Es wurden insgesamt 90 km Trail. War nur zwei Quadfahrern begegnet. Die Menschen brausen lieber mit ihren Autos auf der Straße.

Im Ort Inverness – wieder an der Küste – war die schöne Fahrt beendet. Der letzte Zug hatte 1975 diesen Ort verlassen. Dank der Kohleminen wurde die Strecke dorthin 1905 gebaut.

Am Ortseingang fragte ich ein Ehepaar nach dem Campingplatz und wo es was zu essen geben könnte. Sie luden mich in ihr Haus zum Essen ein. Kaum dort angekommen gab es einen kräftigen Regenschauer. Es war noch früh, 12 Uhr mittags. Wegen der schlechten Wettervorhersage wollte ich in diesem Ort bleiben. Zu meiner Freude gab es hier einen kleinen Supermarkt mit Obst. Mein Müsli ging ebenfalls zur Neige. In meiner Karte war dieser (etwas größere) Ort eingetragen wie einer, der nur aus ein paar Häusern bestehen kann.
Der Zeltplatz war direkt an der Küste. Ab 16 Uhr begann es zu regnen. Ich verzog mich in einen Raum mit Waschmaschinen, Tisch und Strom.