Zwischen Feldern, Pferdewagen und Kirchenburgen.

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Sep. 162013
 

DSC02990133. Reisetag

6215 km

 

Es ist kalt geworden. Trage meine Beinlinge zum ersten Mal nach dem Sommer. Rolf hat uns heute Richtung Bukarest verlassen. Mit dem Zug war er uns nach Medias und Sighisoara gefolgt. Bei wolkigem Himmel fahren wir los. Die Landschaft ist hügelig. Maisfelder und Wiesen begleiten uns. Nur einmal eine Ausnahme: drei Hirsefelder. Am Straßenrand stehen viele Walnussbäume. Leute vom Dorf holen die Nüsse mit Stöcken herunterholen und sammeln sie ein. Bemerke, das sich die Blätter bereits herbstlich einfärben.

In den kleinen Ortschaften gibt es wieder die Kirchenburgen. Manche im bröckelnden Zustand, andere renoviert. Sie sind verschlossen, eine Besichtigung nicht möglich.
Was soll mit diesen alten, nicht mehr genutzten Bauten geschehen. Die Rumänien haben ihre orthodoxen Kirchen, die Siebenbürger Sachsen sind verschwunden. Renovierung und Erhaltung ist aufwendig und teuer. Es wurde und wird viel gemacht. Aber für wen? Touristen sind auf dem Land nicht so oft anzutreffen. Wenn welche – wie wir – vorbeikommen, ist alles verschlossen.

An diesem Tag sind viele Pferdefuhrwerke unterwegs. Für ein Foto halten sie für mich auch schon einmal an. Einfach so, wenn ich die Kamera heraushole. Freue mich darüber. Wir wechseln ein paar Worte. Sie verstehen, dass wir aus Deutschland kommen.

Muss demnächst mal Zigaretten kaufen. Häufig wird per Handbewegung danach gefragt, habe natürlich keine dabei.

Einen kleinen Abstecher machen wir zu einer katholischen Kirche in einem kleinen abseits gelegenen Straßendorf. Unser Übernachtungsort ist nicht mehr weit und es ist erst nachmittags. Diese alte jetzt katholische Kirchenburg wird gerade renoviert. Ein Mann mit dem Kirchenschlüssel bemerkt uns und schließt auf. Ich besteige den Turm, was angesichts der steilen Treppe nicht ganz einfach ist. Oben hängen zwei große Glocken. Ich passe auf, der Boden ist voller Löcher. Von der Brüstung aus habe ich eine weite Sicht über Dorf und Landschaft.

Zum Besuch der vielen Kirchen möchte ich sagen, dass wir nicht auf einer religiös motivierten Pilgerreise sind. Es ist ein Interesse jenseits der Amtskirchen. Wir tauchen in eine interessante Vergangenheit ein und lernen viel von Alltag der Menschen damals und heute. Wir treffen Menschen, die deutsch sprechen und uns viel von sich erzählen.
Durch die Kirchenburgen besuchen wir kleine Ortschaften, können dort oft sogar übernachten. Ohne diese wären wir vorbeigefahren. Wir lernen das Leben hier ein wenig kennen.

Im Ort Agnita finden wir eine Übernachtungsmöglichkeit. Unser Abendessen können wir sogar aus einer dreisprachigen (rumänisch/englisch/deutsch) Speisekarte auswählen.
Das kleine Hotel ist neu, davor steht ein Porsche Cayenne. Kann mir nicht vorstellen dass so ein Auto und Haus durch die Einnahmen erwirtschaftet werden. Gibt wohl noch andere Wege der Geldbeschaffung.

Am nächsten Morgen ist es bewölkt und kühl, doch bald kommt die Sonne durch. Meine Beinlinge bleiben wieder in der Fahrradtasche.

Unsere Überlandfahrt geht weiter Richtung Sibiu. Wir sehen in der Ferne erstmals den schneebedeckten Gebirgskamm der Karpaten. Ich versuche nicht daran zu denken, dass ich diesen in der nächsten Zeit überqueren werde.
Wir fahren weiter durch das weite Harbach-Tal. Früher fuhr hier die Wusch, eine Schmalspurbahn. Doch von ihr geblieben sind nur überwachsene Gleise.
Es ist eine schöne Landschaft. Das Fahren bringt Spaß. Eine Fahrradgruppe von Wickinger-Reisen kommt uns entgegen. Im Ort Altina wird am Bürgermeisteramt ein LKW mit Mehl abgeladen. Es ist eine Hilfslieferung der EU und soll an die armen von Arbeitslosigkeit betroffenen Menschen verteilt werden.

In der kleinen Ortschaft Hosman/Holzmengen finden wir eine private Unterkunft mit Vollpension. Ein Restaurant gibt es nicht im Ort.

Sighisoara/Schäßburg.

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Sep. 142013
 

DSC02708131. Reisetag

 

Schäßburg wurde in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts von den Siebenbürger Sachsen gegründet. Bis 1930 bildeten sie die größte Bevölkerungsgruppe. Nach dem Umsturz 1989 ließ die große Auswanderungswelle ihren Anteil unter zwei Prozent fallen.
Dennoch gibt es deutsche Kindergärten, die außer von deutschen auch von rumänischen und ungarischen Kindern besucht werden. Über weiterführende Schulen kann sogar ein anerkanntes deutschsprachiges Abitur abgelegt werden.

Das „Historische Zentrum“, die sogenannte Burg, ist als Unesco Weltkulturerbe anerkannt. Entsprechend viele Touristen in Gruppen und Einzelgänger treffen wir an.

Wir beginnen unseren Stadtrundgang mit den Aufstieg durch einem überdachten Treppengang auf dem Schulberg und Besichtigung der Bergkirche. Dahinter liegt der große deutsche Friedhof mit zahlreichen alten, aber auch neueren Gräbern der Siebenbürger Sachsen. Dort unterhalte ich mich mit einem älteren Paar, dass das Grab ihrer Eltern pflegt. Sie wohnen noch in der Stadt. Ein Sohn verließ das Land, der andere ist geblieben. Damals – nach dem Umsturz – waren sie verunsichert, als Nachbarn und Freunde in Scharen das Land verließen. Sie bereuen es nicht geblieben zu sein. Ihre Heimat ist in dieser Stadt.

Wieder unten im Zentrum steigen wir auf den Stundturm, das Wahrzeichen der Stadt. Er wurde in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts als Teil der Verteidigungsanlage errichtet. Heute ist in ihm ein Museum eingerichtet. Eine Besonderheit ist das im vierten Stockwerk eingebaute Uhrwerk, welches mechanisch mit einem Figurenspiel verkoppelt ist. Im obersten Stockwerk ist der Turm von einer offenen Holzgalerie umgeben. Von dort haben wir einen Überblick auf die Dächer der Stadt.

Die Oberstadt ist von einer fast kompletten Ringmauer mit Wehrtürmen umschlossen. Die Türme waren zur Verteidigung jeweils einer Zunft (Schmiede, Schneider usw.) zugeordnet. Der Innenbereich ist das touristische Zentrum mit seinen engen gepflasterten Gassen mit vielen Hotels und Pensionen.

Die literarische Gestalt Dracula wird mit Schäßburg in Verbindung gebracht, Vlad Țepeș (Vlad III. Drăculea, der Pfähler), wurde möglicherweise dort geboren. Zwischen 1431 und 1436 soll er in der Stadt gewohnt haben. Für ein Euro ist sein Geburtszimmer zu besichtigen.

Die eher museale Oberstadt mit zwei großen evangelischen und einer katholische Kirche zeigt in keiner Weise den rumänischen Alltag. Sie ist das Revier der Touristen. Geschäfte, Wohnviertel und das Stadtleben befinden sich in der Unterstadt. Dort steht auch eine große rumänisch-orthodoxe Kirche, der ca. 75% der in der Stadt lebenden Menschen angehören.

Siebenbürgen – Land der Kirchenburgen.

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Sep. 122013
 
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Kirchenburg in Birthälm

129. Reisetag

6122 km

 

Von Medias aus unternehmen wir einen Tagesausflug zur Kirchenburg in Meschen. Wir haben das Glück im Garten neben der Kirche die Frau mit dem Kirchenschlüssel zu treffen. Sie gibt uns ausführliche Erklärungen zur Geschichte der Kirche in Deutsch. In diesem Ort wohnten einst bis zu 2000 Siebenbürger Sachsen, übrig geblieben sind neun.

Der Aufbau der Kirchenburgen scheint ähnlich zu sein. Eine äußere kleine Mauer bietet Raum für das Vieh, die innere hohe Mauer mit Wehrtürmen schützt die Menschen, Kirche und Vorräte in Fall eines Angriffes. Auch hier wurden Mauern abgetragen um Baumaterial für die deutsche, heute rumänische Schule zu erhalten.
Im Speckturm wurde der Speck sicher vor Überfällen aufbewahrt. Heutzutage werden in diesem Verköstigungen mit Speck, Wein und Schnaps für angemeldete Besuchergruppen durchgeführt. Die damalige Verwaltung hatte im inneren Bereich der Mauer eigene Räume. Heute sind hier wie auf dem Wehrgang alte Gebrauchsgegenstände ausgestellt.
Wir können auf den Kirchturm steigen und stehen vor den großen Glocken. Durch die Lucken haben wir einen weiten Überblick aufs Dorf und Land.

So eine Besichtigung ist ein Eintauchen in die Geschichte. Ich stelle mir die Frage, wie im 13. Jahrhundert die Besiedlung erfolgte. Ca. 1500 km auf Pfaden und Wegen zurückzulegen und dann in einem Wald anzukommen um sich niederzulassen ist eine gigantische Aufgabe.

Wikipedia erläutert verschiedene Vermutungen der Einwanderung.

In Deutschland war es die Zeit des Heiligen Römischen Reiches und der Kreuzzüge.

Eher als Legende wird angenommen, dass die Siedler wegen Hungersnöte und Seuchen (beides gab es damals) sich aus eigenem Antrieb auf den Weg gemacht haben.

Eine weitere Möglichkeit wäre, dass die Siedler angeworben wurden und in mehreren Schüben nach Siebenbürgen ausgewandert sind.

Die wahrscheinlichere Theorie sieht den Ursprung der Besiedlung in den Kreuzzügen. Durch diese kamen genau die Volksgruppen, die in der Siedlergemeinschaft nachgewiesen wurden, auf ihrem Landweg ins Heilige Land an der Donau durch Ungarn und südlich der Karpaten entlang. Ein Teil der Kreuzzügler (die ja zum Großteil nicht aus Rittern, sondern aus dem einfachem Volk bestanden) sind auf dem Hinweg durch Angebote des ungarischen Königs dazu bewogen worden, sich aus dem Zug zu lösen und ihr Glück in Siebenbürgen zu versuchen.
Soweit der geschichtliche Rückblick.

Wir verbringen eine weitere Nacht in Medias und fahren am nächsten Morgen auf Nebenstrecken zur nächsten Kirchenburg in Birthälm. Schon vom Weiten ragt diese in den Himmel, fast wie Schloss Neuschwanstein im Allgäu. Als UNESCO Kulturerbe ausgezeichnet, ist sie Ziel vieler Besucher, die mit Bussen einreisen.

Wir finden eine Unterkunft hinter der ersten Kirchenmauer im Gästehaus Dornröschen. Sie gefällt uns. Wir beschließen den nächsten Tag hier zu verbringen. Am späten Nachmittag machen wir einen Rundgang durchs Dorf. Ein gutes Essen mit einer Flasche Wein erhalten wir am Abend im örtlichen Touristenrestaurant.
Am nächsten Vormittag besuchen wir die Kirchenburg auf ihrem Hügel. Ein Rundgang um die Kirche und ihre Innenbesichtigung ist möglich, Türme und Wehrgänge sind verschlossen.

Die Schöne-Wetter-Zeit ist beendet. In der  Nacht und am Morgen regnet es. Bei unserer Abfahrt ist es trocken, unterwegs gibt es einen leichten Schauer. Über holperiger Nebenstraßen und befahrener Hauptstraße geht es in die größere Stadt Sighisoara/Schäßburg.

Kirchenburgen.

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Sep. 082013
 
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Kirchenburg in Medias.

 125. Reisetag

5999 km

 

Helmut und ich beabsichtigen für einige Tage eine Rundtour mit dem Fahrrad durch Siebenbürgen zu machen. Wir möchten die Kirchenburgen im Umfeld besuchen. In einigen ist eine Übernachtung möglich.
Nach der Besiedlung durch die Siebenbürger Sachsen wurden die Kirchen zum Schutz gegen die Osmanen als Wehrkirchen gebaut.

Ich erleichtere mich um mein Zelt und Kochzubehör. In zwei Radtaschen ist mein Gepäck untergebracht, der Rest bleibt im Hotel. Am Morgen ist es trotz Vorbestellung nicht ganz einfach ein fahrbereites Rad für Helmut zu erhalten. Unsere Abfahrt verzögert sich deutlich. Bei sonnigem Wetter und angenehmen Fahrtemperaturen geht es mit viel Verkehr hinaus aus Sibiu, dann weiter durchs hügelige Land auf kleinen wenig befahrenen Straßen.

Die Stadt-Land-Unterschiede sind gewaltig. Nach dem belebten Sibiu fahren wir durch die Dörfer, in denen die Neuzeit erst langsam ankommt. Viele jungen Menschen haben den Ort verlassen, die Alten bleiben zurück. Pferdekutschen stehen am Straßenrand oder sind unterwegs. Kartoffeln auf schmalen Ackerstreifen werden mühsam mit Hacke und Händen geerntet.

Unser Tagesziel erreichen wir am Nachmittag im kleinen Dorf Seica Mica/Kleinschelken. Die Kirchenburg sehen wir von weitem. Schwierig wird es den Schlüssel für das Pfarrheim zu erhalten, in dem wir übernachten möchten. Wir haben Glück, dort wohnt vorübergehend ein älteres Ehepaar aus Deutschland. Sie lassen uns hinein. Der Schlüssel wird uns von der verantwortlichen Frau am Abend übergeben. Vom Ehepaar erhalten wir interessante Informationen über das Dorf und ihr Leben.

Einst wohnten im Ort über 1000 deutschstämmige Einwohner. Es gab eine deutsche Schule und natürlich einen deutschstämmigen Pfarrer. Das Leben nach dem Zweiten Weltkrieg und unter Ceausescu war hart gewesen. Einige hatten das Dorf schon zu Ceausescus Zeiten Richtung Deutschland verlassen können. Die Ungewissheit über die Zukunft und die nach dem Umsturz 1989 gegebene Möglichkeit veranlasste die große Auswanderungswelle nach Deutschland. Alle Deutschstämmige haben das Dorf verlassen. Wenige nach Deutschland gezogene sind geschäftlich wieder zurückgekommen und betreiben Handel und Produktion. Viele in Deutschland lebende Ehemalige kommen im Urlaub hierher. Manche besitzen noch oder wieder ein Haus im Ort welches renoviert als Ferienhaus genutzt wird.

Am nächsten Morgen haben wir Gelegenheit die Kirchenburg zu besuchen. Die erste Fertigstellung geht auf das 14nte Jahrhundert zurück. Erst als katholische Kirche und nach der Reformation als evangelische. Als Wehrkirche war sie umgeben von einem Graben mit Zugbrücke, einer Mauer, hinter der das Vieh bei Angriffen getrieben wurde und nochmals einer 12 m hohen Mauer hinter der die Menschen Schutz gefunden hatten. Rundherum standen Wehrtürme.
Nachdem keine Gefahr von Angriffen mehr bestand, ist die Mauer abgetragen worden. Aus den Steinen wurde die deutsche Schule gebaut. Diese ist jetzt eine rumänische Schule.
Alle zwei Wochen hält ein Pfarrer noch eine Messe auf Deutsch. Erhalten wird die Kirche und das Pfarrheim von Spenden ehemaliger deutscher Bewohner. Wie es mit der Kultur der Siebenbürger Sachsen in diesem Ort weitergehen wird, ist ungewiss.

Wir verlassen Kleinschelken gegen Mittag, um nach 20 km die nächste Kirchenburg in Valea Viilor bzw. dem klangvollen deutschen Namen Wurmloch zu besuchen. Die Wehrkirche ist leicht zu finden. Trotz langem Suchen und Fragen finden wir keinen Verantwortlichen, der uns im alten Pfarrhaus eine Übernachtung ermöglicht. Die Kirchenanlage können wir besichtigen.

Wir fahren also weiter in die nächste größere Stadt Medias. Auch dort gibt es eine weitere Kirchenburg. Pfarrhaus und Gästehaus sind belegt. Viele Hotels in der Stadt sind wegen diverser Hochzeiten ausgebucht. Etwas außerhalb des Zentrums finden wir endlich eine Bleibe. Aber auch hier wird eine Hochzeit gefeiert. Bis früh in den Morgen hören wir die Tanzmusik.

Am Sonntag bleiben die Fahrräder im Stall. Wir machen einen Spaziergang in die naheliegenden Berge. Treffen einen Schäfer im Wald mit vielen Hunden. Mein Dog-Dazer hält sie im Abstand.